Theater im Wandel der Zeit

Denn nur was sich verändert, lebt in der Zeit

Theater im Wandel der Zeit

»Mir geht es im Theater ja nicht um Abbildung, also nicht darum, dass das Theater Realität repräsentiert. Es geht vielmehr darum, auf der Bühne eigene Realitäten herzustellen. (…) Und genau das, ›eine Welt auch anders zu denken‹, kann das Theater als große ästhetische Aufgabe wieder formulieren. Es muss uns nicht die Wirklichkeit spiegeln – das tut die Wirklichkeit ja ohnehin selbst schon. (…) Deswegen geht es darum, die Räume der Imagination zu öffnen. Das tun die neuen Medien in der Regel nicht, und genau das ist die Aufgabe des Theaters, darin liegt seine große Chance – wenn es sich darauf besinnt und nicht versucht, die medialen Prozesse nur abzubilden, zu ironisieren oder zu zitieren, zu imitieren – was das Theater in den letzten 20 Jahren leider zu oft getan hat.

 

Ich bin beispielsweise überzeugt davon, dass die mangelnde Qualität des Fernsehens dem Theater jährlich immer mehr Zuschauer zuspielen könnte, wenn das Theater die Leerstelle besetzen würde, die das Fernsehen hinterlässt. (…) Es muss zum Beispiel entdecken, wo es dem Betrachter Spielräume eröffnen kann, die er vielleicht auch im Theater noch nicht hatte. (…) Und gerade in dieser Hinsicht – in der Wahrnehmung von Komplexität – sollte das Theater den Zuschauer auch nicht mehr länger unterfordern.

 

Es hat auch die Chance, ein größeres Publikum zu erreichen. Und zwar mit seinen unterschiedlichen Spielarten. (…) Formen, die nicht nur für dezentrale Blicke funktionieren, sondern auch interaktive Kommunikationsprozesse mit einbeziehen. Wichtig ist, dass man das Potential des Netzes als Auftrag begreift, auch das Theater anders zu denken. (…) Auch wenn man in eine ›museale‹ Inszenierung geht und damit den Raum der urbanen Hektik für eine Weile hinter sich lässt – merkt man doch plötzlich, wie Zeit ganz kostbar wird. (…) In ›Stifters Dinge‹ gibt es beispielsweise einen Moment, in dem es regnet. Und da erzählen mir Menschen, sie hätten an dieser Stelle geweint. Oder sie schauen diesem Regen zu, als hätten sie noch nie in ihrem Leben Regen gesehen. Das ist doch eine faszinierende Aufwertung des Wahrnehmens: Man bekommt Zeit geschenkt, ein paar Minuten nur, in denen man nichts als dem Regen zuschauen darf.“

 

Heiner Goebbels | Die Deutsche Bühne | Juni 2012